Matthias Buth. Wolf Birke. Im Augenblick. Berlin 2025 (Palm ArtPress) 2025, 160 S. ISBN 978-3-96258-200-S
Mit einem Zitat aus Andreas Gryphius‘ Betrachtung der Zeit aus dem 17. Jahrhundert leiten der Dichter Matthias Buth und der Photograph Wolf Birke ihren ambitiös gestalteten Foto-Bild-Band im Augenblick ein. „Der Augenblick ist mein, und nehm ich den in acht,/ So ist der mein, der Jahr und Ewigkeit gemacht.“ Zwei gestalterische Komponenten treffen hier aufeinander: die schwarz-weiß gefügten Fotografien von Wolf Birke auf den jeweiligen linken Buchseiten und die lyrischen Reflexionen von Matthias Buth auf den rechten Buchseiten. Ihre ideellen Verbindungslinien sind durch den Augenblick „das magische grüne Auge“ (vgl. Einleitung) gestaltet, in dem die Autoren und – mehr noch – die Betrachter sich vom Blick auf die vielfältigen Fotomotive faszinieren lassen.
Eingeleitet von einem Essay über das magische grüne Auge und dem Vorwort von Jörg Aufenanger wird der Betrachter auf eine lange, von Fotografien- und dichterischen Reflexionen gestaltete Reise geschickt. Sie beginnt mit dem schnappschussartigen Blick auf eine Schwebebahn(vgl. Rhapsodie Nr. 335): „In Wuppertal natürlich lebt die Schwebebahn“ heißt es dort und verwunderte Leser/innen lassen nunmehr ihre Blicke schweifen, um den rasanten Eindruck von der Schwebebahn in action zu genießen, die ihre Reise durch magische Landschaften überall auf der Erde antritt.
Dieser ideellen Aufforderung dient auch das Vorwort von Jörg Aufenanger. Er verweist auf die vielfältigen Eindrücke, die beim Betrachten der S-W-Fotografien entstehen und von Matthias Buth —mit Rhapsodien voller Originalität versehen – ausgestattet sind. Es sind oft dynamisch aufgeladene Foto-Bilder, die bei ihrer aufmerksamen Betrachtung Bilder hervorrufen, die die Dynamik unseres 21. Jahrhunderts assoziieren und zugleich magische Rhythmen beschwören. Auf diese Weise entstehen auf einzelnen Bildstrecken auch unterschiedliche Rhythmen, die teilweise auch die Poetiken von Baudelaire (19.Jht.) aufgreifen oder Motive von Andreas Gryphius (17. Jht.)verwenden. Sie nehmen den Moment ins Visier, „wenn die Sinne ihn in der Plötzlichkeit einer Sekunde erfahren.“
Dieser Spur folgend stößt der Betrachter der S-W – Fotografien bereits auf den Seiten 6 bis 19 auf eine Reihe von atmosphärisch aufgeladenen Motiven, auf denen Landschaften, in Schnee gehüllt, wie zum Beispiel das berühmte Teehaus im Park von Sanssouci, oder eine Katze zu sehen ist, die schlafend einen Tisch festhält oder auch – motivisch jäh wechselnd – den aufgehellten Innenraum einer Dorfkirche in Rothburg (Rumänien) zeigt, in der der deutschsprachige Pastor und Schriftsteller Schlattner jeden Sonntag vor leeren Bänken predigt.
Der Fotoband greift aber auch die Erinnerung an zwei Zeugen der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts auf, wenn er den Blick auf die beiden Gedenksteine mit den markierten Aufschriften Egon und Else Braginsky lenkt. Sie wurden deportiert 29. 1.1943, und ermordet in Auschwitz am 29.1. 1943. Auch an den bekanntesten russischen Bürgerrechtler Alexej Nawalny, leider ohne Nennung seines Namens, erinnert der Bildband – mit einem Schnappschuss von einem Fernsehbild (vgl. S. 82/83!!). Es ist der Blick auf den vor einem russischen Gericht angeklagten Nawalnyj, der wenige Wochen nach diesem abfotografierten Schnappschuss in einem sibirischen Straflager verstarb. Ungewöhnlich unter der Überschrift in russland sind die Zeilen: In Russland stehen die Angeklagten /lächelnd in den Glaskästen der Gerichte als wären sie verstrahlt -und hoch ansteckend. /Sind sie auch, denn nur in dieser Glaszelle/ können sie freisprechen/ ihr letztes Wort. Manchmal sind es Gedichte, /gefährlicher als Tschernobyl. Es ist sicherlich ungewöhnlich, dass die vermuteten Worte eines überzeugten Bürgerrechtlers mit der radioaktiven Strahlkraft aus dem havarierten Reaktor von Tschernobyl verglichen werden. Denn wem gilt in diesem Fall die tödliche Dosis?
Überzeugender hingegen wirkt die Fotografie von Philomena Franz (1922-2022) unter dem Leitgedanken nicht gestorben auf den Betrachter. Sie hat die Folter im Nazi-Vernichtungslager Birkenau überstanden, weil, wie Matthias Butz ihr zuschreibt: “Immer hatte ich Glück/ Weil mein Geist meinen Körper hielt.“ Ihr Foto-Portrait bleibt als Mahnmal für ein grausames Jahrhundert. Doch welche „Anziehungskraft“ hinterlässt es?. Die letzten Zeilen aus Buths poetischer Reflexion sprechen von „guter Musik aus Geigen und Gitarren“. (S-47) Doch die vernarbten Gesichtszüge von Philomena zeugen von den grausamen Verbrechen der Nazi-Schergen an ihrem Körper-
Die Rhapsodie 26 greift mit dem Blick auf ein „Erinnerungsstück“ (Bezeichnung EK II) einen ganz anderen zeithistorischen Kontext auf. Sie verweist darauf, dass der Sohn eines vom Schlachtfeld heimgekehrten Soldaten im Gedenken an den Vater das Erinnerungsstück in einer Schublade aufbewahrt. Und die Rhapsodie enthüllt auch den künftigen Erinnerungsort des militärischen Trostordens: den Flur als Ehrenplatz für den heimgekehrten Vater.
Nicht alle in dem aufwendig gestalteten Fotoband überzeugen den Betrachter. Der Schnappschuss der Glocke – als „Weltmodell für eine Provinz“ (vgl. sS.119) mangelt es an Tiefenschärfe; der bezaubernde-Wasserfall (Rhapsodie 151) schäumt bei dessen fotografischer Betrachtung tatsächlich weißes Papier auf. Doch ungeachtet solcher kritischen Einwände: Es bleiben die atmosphärischen Eindrücke, die das Gemeinschaftswerk von Wolf Birke und Matthias Buth lesens- und betrachtungswert machen. Und – die aufmerksame Lektüre der Gedichte und Rhapsodien von Matthias Buth. Viel Spaß beim Entdecken der zahlreichen überraschenden Motive.