Es hätte auch anders kommen können – Der Landkreis Coburg im DDR-Bezirk Suhl

berlin mauer grenzen deutsche einheit mauerfall, Quelle: Sarah_Loetscher, Pixabay License Freie kommerzielle Nutzung Kein Bildnachweis nötig

Nachdem die amerikanischen Truppen am 10. April 1945 die Stadt Rodach erobert hatten, kamen in der Bevölkerung Ängste auf, die „Rote Armee“ könnte in einigen Wochen auch den Landkreis Coburg besetzen, weil sie alte Karten aus der Zeit vor 1945 mit sich führte, worauf das Coburger Land als noch zu Thüringen gehörend verzeichnet wäre. Die Ängste verschärften sich, als am 2. Juli 1945 die Amerikaner Westsachsen und Thüringen verließen und die Russen nachrückten, wie es im Potsdamer Abkommen vorgesehen war. Sie bleiben aber bei Adelhausen stehen, ohne auch Rodach zu besetzen. Die Rodacher atmeten hörbar auf! Wenige Wochen nach Kriegsende aber wuchsen die Ängste wieder, weil russische Offiziere, die in Hildburghausen stationiert waren, von amerikanischen Offizieren nach Rodach eingeladen worden waren, um in der Villa Leuckart in der Heldritter Straße den Sieg über Deutschland zu feiern. Was verhandelten die denn dort, fragten die Rodacher ängstlich. Sicher ging es um Grenzverschiebungen bis Lichtenfels. Wer auf der Heldritter Straße vorbeikam, hörte nur russische und englische Sprachfetzen und Gelächter. Die Verständigung der Offiziere untereinander war denkbar schwierig: Die Russen sprachen kein Englisch und die Amerikaner kein Russisch. Aber Charlotte Engel, die bei uns im Haus gegenüber wohnte und für die Amerikaner kochte, wusste einen Ausweg. Sie kannte Anja Böss in Gauerstadt, die aus dem Baltikum stammte und fließend Russisch sprach. Die unterhielt sich mit den Russen, übersetzte das Gesprochene ins Deutsche, und Charlotte Engel übersetzte das ins Englische.

Es hätte aber 1919, ein Jahr nach dem Ersten Weltkrieg, auch ganz anders kommen können und die Coburger hätte nicht mit überwältigender Mehrheit für den Anschluss Coburgs an den Freistaat Bayern gestimmt. Dann hätte aber auch das Land Thüringen, das es bis 1918 nicht gab, schneller entstehen müssen. Es gab damals lediglich acht Herzog- und Fürstentümer, vier ernestinische und vier nichternestinische, und preußischen Streubesitz um Erfurt und anderswo. Alle diese Kleinstaaten hatten unterschiedliche Währungen, unterschiedliche Zollbestimmungen und gegenseitige Besitzansprüche. Eine Einigung in einem Freistaat Thüringen war ein langwieriger Prozess, für den Jahre erforderlich waren. Im Freistaat Bayern, in den sich das 1806 gegründete Königreich Bayern 1918 verwandelt hatte, sah alles anders aus! Es war eine in sich gefestigte Republik freier Bürger, nachdem die Revolutionswirren der Münchner Räterepublik 1918/19 überwunden waren. Vor allem aber war es ein reiches Agrarland, das seine Bewohner nach den Hungerjahren des Weltkriegs ausreichend ernähren konnte, in Thüringen dagegen wurde gehungert. Und Hunger ist ein mächtiger Ratgeber, wenn es um politische Entscheidungen geht! Und so stimmten am 30. November 1919 nur 3466 wahlberechtigte Coburger für Thüringen, während 29 568 für Bayern stimmten. Das waren mehr als 88 Prozent der Coburger Bevölkerung, Stadt und Land. Die Wahlbeteiligung lag bei 75 Prozent. Einzelheiten dazu kann man in Jürgen Erdmanns Würzburger Dissertation „Coburg, Bayern und das Reich“ (1969) nachlesen.

Man stelle sich vor, es wäre anders gekommen und die Coburger hätten damals für Thüringen votiert und wären seit 1952, als die Länder im SED-Staat aufgelöst und durch Bezirke ersetzt wurden, als südlichster Landkreis in den DDR-Bezirk Suhl eingegliedert worden. Lichtenfels wäre dann, aus DDR-Sicht, „kapitalistisches Ausland“ gewesen. Als SED-Generalsekretär Walter Ulbricht auf der II. Parteikonferenz 1952 verkündet hatte, dass jetzt der „planmäßige Aufbau des Sozialismus“ vorangetrieben würde, wäre auch der Landkreis Coburg der Segnungen des Sozialismus teilhaftig geworden: Industriebetriebe und Bauerhöfe wären verstaatlicht worden, das Schulsystem auf die neuen Verhältnisse umgestellt, die Handwerker unter staatlichen Druck gesetzt, bis sie aufgaben. Leider nur konnte sich kein Westbesucher mit Einreisegenehmigung, auch kein ehemaliger Coburger, der über Westberlin geflohen war, ein Bild von den Zuständen in der alten Heimat machen, wo noch Verwandte und Bekannte wohnten. Der ganze Landkreis Coburg bis zur innerdeutschen Grenze bei Lichtenfels, war von der DDR-Regierung zur Sperrzone erklärt worden, die zu betreten selbst für Leute mit DDR-Pässen unmöglich war, wenn sie dort keine Verwandten hatten. So konnte man erst nach dem 9. November 1989, als die Berliner Mauer gefallen war, ungehindert nach Coburg einreisen und erfahren, was der Sozialismus dort angerichtet hatte.

Vier Wochen vor dem 7. Oktober 1989, dem DDR-Staatsfeiertag, fuhr Ministerpräsident Willi Stoph (SED) in die grenznahen Gebiete, um die dortige Bevölkerung aufzumuntern und eine Verbesserung der immer noch schlechten Versorgungslage zu versprechen. Er war mit einem Flugzeug der „Nationalen Volksarmee“ in Erfurt gelandet und fuhr nun in einer Wagenkolonne über Meiningen und Hildburghausen nach Rodach. Auf dem Marktplatz begrüßte ihn eine aufgeregte Gruppe von „Thälmannpionieren“, die ihm eigentlich das Lied „Weil wir jung sind, ist die Welt so schön“ entgegenschmettern wollte, aber vor Aufregung andauernd im Chor rief: „Für Frieden und Sozialismus immer bereit!“ Dann erschien eine Abordnung von Arbeitern der „Volkseigenen Kunststoffwerke“ (früher Siemens/Valeo) und überreichte dem Ministerpräsidenten aus der Hauptstadt Berlin ein Gastgeschenk. Auch die Genossen Vorsitzenden der Betriebsgewerkschaftsleitung und der Betriebsparteiorganisation berichteten von unerhörten Erfolgen in der Planschlacht zu Ehren des 40. Geburtstag der 1949 gegründeten Republik. Schließlich erschienen zwei Vertreter des Volkseigenen Betriebes „Kinderspiele“ (früher Habermaaß/Wehrfritz), die eine Eisenbahn aus Holz für die Enkel des Ministerpräsidenten mitgebracht hatten. Als die Regierungsdelegation aus Berlin über die Karl-Liebknecht-Straße (früher August-Grosch-Straße) die Stadt Rodach verließ und an der ehemaligen Franzosenburg in die Coburger Straße einbiegen wollte, stellte sich ihr eine kleine Gruppe von Rodachern in den Weg, angeführt vom Bürgermeister der Stadt, der in seiner Begleitung eine fast 100jährige Genossin mit sich führte, die noch Kurt Eisner (1867-1919) gekannt haben wollte und mit ihm, wie sie immer wieder beteuerte, während der Novemberrevolution 1918 auf den Barrikaden gelegen hätte. Von ihm, Kurt Eisner, der am 8. November 1918 in München die Republik ausgerufen und Bayerns König Ludwig III. abgesetzt hatte, bevor er am 2. Februar 1919 hinterrücks erschossen wurde, überreichte sie ein angebliches Schreiben, das nur einen einzigen Satz enthielt: „Vorwärts immer, rückwärts nimmer!“ Als Willi Stoph, der rasch erkannt hatte, dass diese Frau verwirrt war, ihr die Hand auf die Schultern legte, brach sie in Tränen aus.

Als die Wagenkolonne dann in Richtung Coburg weiterfuhr, sahen die Berliner Genossen bis zum Fuchsberg die unermesslichen Felder des Volkseigenen Gutes „Roter Oktober“ (früher Domäne Schweighof), auf denen nur noch Mais als Viehfutter angebaut wurde. Als sie die Höhe des Fuchsbergs erreicht hatten, sah die Landschaft ganz anders aus. Hier waren riesige Herden von Rindern zu sehen, die links und rechts von der mit Kastanienbäumen eingerahmten Staatsstraße weideten. Da waren Hunderte von Zuchtrindern der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft „Lichte Zukunft“ zu sehen, die für den Export ins „kapitalistische Westdeutschland“ bestimmt waren, der Devisen wegen. Obergenosse Willi Stoph lobte die Sollerfüllung in der Rinderzucht. Das gewaltige Rindersterben der Jahre 1960/64, als überall im Land auf Beschluss des SED-Politbüros Rinderoffenställe errichtet werden mussten, die als sowjetische Errungenschaft galten, erwähnte er nicht, als er im Verwaltungssitz Neida eine Pause einlegte. Diese Offenställe verfügten nur über ein Dach und eine Wand zur Wetterseite. Das Ergebnisse dieser „progressiven Agrarökonomie“ war, dass Hunderte von Rindern starben, sie erfroren oder wurden durch Nässe krank.

Als der Ministerpräsident über Neuses in Coburg einfuhr, sah er überall jubelnde und winkende Bürger auf den Straßen. Schon am Hauptbahnhof wurden Transparente mit Kampflosungen geschwenkt wie „Wir Coburger kämpfen mit der Sowjetunion für den Frieden“ oder „Nieder mit den Kriegsbrandstiftern in München. Der Genosse Oberbürgermeister Hans Guckindieluft (SED) erklärte dem Ministerpräsidenten auf dem Rathausbalkon, dass der „Rat der Stadt“ beschlossen hätte, auf der Veste ein „Museum zur Geschichte der Feudalherrschaft in Thüringen“ zu errichten, mit besonderer Berücksichtigung des Hauses Sachsen-Coburg-Gotha, dessen letzter Vertreter Carl Eduard (1884-1954) am 14. November 1918 abgedankt hätte. Der Hofgarten der Coburger Herzöge wäre inzwischen zum „Volkspark“ umgestaltet worden, überall wären Tafeln mit Daten zur Geschichte der Coburger Arbeiterklasse angebracht worden, und Schloss Ehrenburg wäre jetzt ein Feierabendheim für verdiente Parteiveteranen aus der ganzen Republik geworden. Als sie vor der „Volksbühne“ auf dem früheren Schlossplatz, der jetzt Karl-Marx-Platz hieße, standen, erklärte der Genosse Oberbürgermeister, auf dem Pferd über den Arkaden reite nun nicht mehr der Feudalherzog Ernst II., sondern Karl Marx höchstselbst, und auf dem Pferd Ernsts I. vor der Ehrenburg säße jetzt Friedrich Engels. Der Ministerpräsident habe sicher auch bemerkt, dass nicht mehr Prinzgemahl Albert am Marktplatz auf dem Sockel stünde, sondern der unsterbliche Wladimir Illjitsch Uljanow, genannt Lenin. Nur, dass die Tauben immer noch das Denkmal beschmutzten, habe man bis heute nicht verhindern können!

An der Morizkirche erreichten sie schließlich das 1605 eröffnete Gymnasium Casimirianum. Die Figur des Schulgründers Herzog Johann Casimir auf einem Sockel in Höhe des ersten Stocks war längst entfernt worden, dort stand jetzt Rosa Luxemburg in Bronze. Auf dem Weg zum Haupteingang der Schule berichtete der Genosse Oberbürgermeister, dass schon vor 30 Jahren der Latein- und Griechisch-Unterricht abgeschafft worden wäre, stattdessen lernte man jetzt Russisch in allen Klassen bis zum Abitur. Auch das Zitat Goethes über seinen Vater Johann Caspar (1710-1782), der 1725/30 die Schule besucht hätte, wäre beseitigt worden. Jetzt prangte dort die elfte These von Karl Marx über Ludwig Feuerbach: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert. Es kömmt darauf an, sie zu verändern.“

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Dr. Jörg Bernhard Bilke, geboren 1937, studierte u.a. Klassische Philologie, Gemanistik und Geschichte in Berlin und wurde über das Frühwerk von Anna Seghers promoviert. Er war Kulturredakteur der Tageszeitung "Die Welt" und später Chefredakteur der Kulturpolitischen Korrespondenz in der Stiftung ostdeutscher Kulturrat.